
Auf geht’s zur Bergpredigt…
Der Sonntag ist im christlichen Kulturkreis für den Kirchgang reserviert. Da unser Exkursionsthema zudem “Die Rolle der Religion im US-Wahlkampf” ist, liegt es nahe einen typisch amerikanischen Gottesdienst zu besuchen. Unsere Wahl fällt auf die San Francisco City Church, eine Kirche die aus der niederländisch-reformierten Tradition entstanden ist.
Schon der Anblick der Kirche ist für uns eine Überraschung – sie ist nämlich keine Kirche. Unter der Woche ist sie ein russisches Kulturzentrum, dass nur Sonntags für die Gottesdienste gemietet wird. Weicher Teppich auf dem Boden führt uns einige Stufen nach oben, direkt vor einen Informationstisch, hinter dem eine freundliche junge Dame steht, – Mitglied in der Gemeinde- und uns mit einem freundlichen: “How are you?” begrüßt. Sie erklärt uns, dass es nebenan Kaffee und Donuts, inklusive einem netten meet and greet gibt. Ganz anders als zuhause, wo man den Kirchenkaffee frühestens NACH dem Gottesdienst bekommt. Wir setzen uns in einen netten Veranstaltungssaal, auf dessen Bühne schon die Instrumente einer Band aufgebaut sind. Es wird also kein Orgelspiel geben. Wir werden uns während des Gottesdienstes noch so manches mal wundern.
So gibt es das Abendmahl in kleinen Oblaten und kleinen Plastikbechern (sie sehen wirklich fast aus wie Pinnchen), die man sich vorne, ähnlich wie bei der katholischen Eucharistiefeier, abholt, um sie dann später gemeinsam einzunehmen. Eigentlich! Wir verstehen den Ablauf nicht richtig und trinken den Abendmahlswein etwas unbeholfen direkt, im Stehen, bzw. Gehen… Es ist uns etwas peinlich, aber das gehört wohl zu einer solchen Erfahrung dazu.
Auch die Predigt überrascht uns immer wieder. Der Prediger spricht frei und kann damit eindringlich Kontakt zu den Gottesdienstbesuchern aufnehmen. Für alle Zuschauer von Bibel TV: Ganz so schlimm wie die Fernsehprediger dort war es nicht – aber ein bisschen Ähnlichkeit war nicht zu bestreiten. So bescheinigt der Pastor Jesus einen gewissen Coolnessfaktor (“This man had style”) und spricht davon, in seinem Herzen würde ein ewiger Bollywoodfilm laufen. Es wird gelacht und andächtig zugehört, stören tut niemand.
Nach dem Gottesdienst lädt uns Senior Pastor Rev. Fred Harrel, der Gründer dieser Kirche, ein, bei indischen Burritos ins Gespräch über Religion und Christentum in Amerika zu kommen.
Er berichtet von den unterschiedlichen Denominations (Konfessionen), die sich in all der Vielfalt immer in einem Punkt treffen würden, der Mission! Das wirkt für uns, die wir alle aus sehr unterschiedlichen religiösen Hintergründen kommen, sehr befremdlich. In unseren Reihen gibt es Atheisten, Katholiken, Muslime, und Protestanten aus Landeskirche und Freikirche. Würden wir alle versuchen, uns gegenseitig zu missionieren, hätten wir wohl kein anderes Thema mehr.
Nach dem für uns alle äußerst spannenden und lehrreichen Gespräch geht es nachdenklich los zum “Sonntagsspaziergang”, der sich für anständige Kulturbürger selbstverständlich gehört.
Spaziergang… wie deplatziert das Wort an dieser Stelle ist sollten einige von uns noch merken.
Sport ist Mord sagt man immer flapsig daher, hat damit aber meistens Unrecht. Doch so nahe wie heute Nachmittag kam man dem eigentlichen Wortsinn nur selten. Wandern im Redwood Park nahe Oakland stand auf dem Programm. Eine sichere Sache, waren wir uns sicher. Und die wäre es auch gewesen, wäre der wanderlustigste Teil der Gruppe lieber auf gesicherten Wegen zum Ausgangspunkt zurückgelaufen. Doch Umkehren ist nun mal feige und so beginnt der Aufstieg im Basiscamp um etwa vier Uhr nachmittags bei guter Sicht.
Doch bereits Minuten später wird der Wald undurchdringlich, der (Zitat) Weg (Zitat ende) steigt plötzlich stark an und der Boden wird flüchtiger als ein Kleinkrimineller bei der Polizeirazzia. Umkehren wird jedoch per Zweidrittelmehrheit abgelehnt (Ein Glück, dass auch Studenten die repräsentative Demokratie verteidigen.) und so geht es weiter. Allerdings nicht geradeaus sondern nach oben. Genauer gesagt zweihundert Meter weit im geschätzten achtzig Grad Winkel in die Höhen den kalifornischen Küstenberglands. Als Sicherung dienen ein paar Bäume und der eiserne Wille aller Beteiligten, das Ziel zu erreichen.
Nach langen schweißtreibenden Minuten sind alle auf dem diesmal richtigen Weg angekommen und es geht zurück zum Parkplatz. Genug Aufregung für einen Tag möchte man meinen aber die wahre Herausforderung sollte noch kommen.
Eine weit mehr als überlebensgroße grellweiße Jesusstatue empfängt uns mit, im wahrsten Sinne des Wortes offenen Armen, im Visitors Center des Mormonentempels. Zwei sehr höfliche junge Frauen, beides Missionarinnen in überknielangen Röcken, bitten uns auf Bänken vor der Statue Platz zu nehmen, um den Worten von Jesus zu lauschen. In der großen Eingangshalle wird das Licht etwas heruntergefahren und in bestem Dolby Surround spricht die “Stimme Gottes” zu uns. Es sind schönst zusammengepuzzelte Bibelstellen, die uns Seelenheil und Gottes Liebe versprechen. Wir wissen kaum wohin mit uns, so erschlagen sind wir von dieser Art der Mission (und wir hatten gedacht der Gottesdienst am Morgen sei das höchste der Gefühle gewesen.)
Nach dieser “Kurzen Einführung in den Glauben der Mormonen”, führen uns die beiden Frauen über das Gelände des Mormonentempels. Gerade geht die Sonne unter und so sehen wir einen atemberaubenden Sonnenuntergang über Oakland und San Francisco. Beeindruckende Kulisse für ein Haus Gottes!
Dieses wird im Übrigen auch in seinem Inneren voll und ganz einem göttlichen Anspruch gerecht. Zwar darf der Tempel von Nicht- oder Falschgläubigen nicht betreten werden, doch auch die Besucherhalle und die angrenzenden Räume bieten lichtdurchflutete Eleganz und durchdesignte Spiritualität. Ein großer Tisch, auf dem sich Exemplare des Buches Mormon, dem Ergänzungswerk zur Bibel, in fast allen Weltsprachen befinden, beweist das umfassende Sendungsbewusstsein der Mormonen. Wobei “Mormonen” eigentlich auch der falsche Begriff ist. “Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage” sei die richtige Bezeichnung, wie uns Sister Smith, eine unserer Führerinnen, mit sympathisch entrücktem Lächeln mitteilt.
Dieses verschwindet auch nicht, als uns die beiden Missionarinnen mit dem mormonischen Anliegen der über alles stehenden Familie vertraut machen. In einem halbkreisförmigen Medienraum werden uns dazu Videos vorgestellt, die die Verbundenheit einer Idealfamilie mit warmen Farben und tiefenpsychologischer Freundlichkeit illustriert. Die Familie, so die Botschaft, sei das Wichtigste und könne auch den Tod überdauern, da man seine Liebsten, auf Wunsch, im Himmel wiedersehen kann.
So viel befremdlich wirkende Spiritualität will erst einmal verdaut sein und so geht es mit kollektiver Reizüberflutung zurück ins Hostel. Das Bild über Religion in den Vereinigten Staaten verfestigt sich in der Gruppe so langsam. Doch davon in den nächsten Tagen mehr.
P.S.: Wir sind uns der fehlenden Eleganz des obigen Cliffhangers bewusst.
von Almut R. und Sebastian B.



