Lost In Paradise – die letzten Eindrücke einer atemberaubenden Stadt
Auch unser letzter Tag in San Francisco startete früh am Morgen. Denn ein wichtiger Termin stand an: der Workshop an der berühmt berüchtigten Universität Berkeley. Voller Vorfreude machen wir uns auf zur BART (als kleine Info: Bart kann man als ein U-Bahn-ähnliches Nahverkehrssystem erklären, welche die größten Orte in der Bucht von San Francisco verbindet). Doch warum muss nur immer alles so kompliziert sein? Oder stellen wir uns einfach viel zu dumm an? (Natürlich ist die Antwort auf die zweite Frage ein klares Nein..) Vom Ticketkauf, über “Welche Bahn müssen wir nehmen?”, zu “Mist. Wo sind wir und welcher Bus fährt denn jetzt zur Universität?” war alles dabei. Zum Glück sind die Amerikaner stets hilfsbereit und so fanden wir unseren Weg schließlich doch noch (auch wenn trotz aller Freundlichkeit durchaus einmal eine falsche Wegbeschreibung herauskommen kann).
Universität Berkeley – endlich kein Mythos mehr, sondern Realität. Doch viel Zeit für Erkundungen blieb leider nicht, schließlich werden wir von höchster Stelle (zumindest im Bereich Anthropologie) erwartet. Charles Hirschkind empfängt uns freundlich und der Workshop zum Thema “Verhältnis von Religion und Politik in Deutschland am Bespiel der Beschneidungsdebatte” konnte beginnen. Ein paar amerikanische Studenten leisteten uns Gesellschaft und verhalfen uns zu einer interessanten und höchst aufschlussreichen Debatte. Kaum zu glauben, wie unterschiedlich unsere Ansichten sein können und wie interessant es ist, einige Klischees bestätigt zu bekommen, während man andere als totalen Unsinn abtun muss. Wusstet ihr zum Beispiel, dass Beschneidung in den USA viel normaler ist als bei uns? Oder auch dass das Thema Mormonentum und Romney gar keine so große Rolle spielt?
Nach zwei Stunden war alles vorbei und wir konnten den Campus erkunden. Leider war es nicht so beeindruckend wie wir es uns vorgestellt haben.
Da der Tag schon wieder zur Hälfte vorbei war, trennte sich die Gruppe trotz aller Wärme und Gemütlichkeit bis zum gemeinsamen Abendessen. Dabei hatte jeder seine ganz besondere Odyssee erlebt. Während die einen Berkley und Oakland erkundet hatten und mit der Fähre einen wunderschönen Trip zurück nach San Francisco erlebt haben, sind andere auf striktem Wege zur Shoppingmall in San Francisco geflitzt (man braucht wohl nicht zu erwähnen, welches Geschlecht diese Gruppe hatte). Ein paar andere wollten noch unbedingt einen letzten Blick auf den beeindruckenden Pazifik erhaschen und die Füße im Sand vergraben. Nicht zu vergessen unsere letzte Gruppe, welche eine ganz besondere “Begegnung der dritten Art” erlebt hat. Doch dazu später mehr. Denn erstmal noch ein kleiner Tipp für alle zukünftigen San Francisco-Eroberer: Wer sich in dieser wunderbaren Stadt einmal verlaufen sollte, kann kostenlos die Nummer 311 wählen und schon wird ihm geholfen. Kann uns bitte einmal jemand erklären, warum wir das erst heute von einem Polizisten erfahren mussten? Schließlich hätte uns das so manche Nerven gespart und wir wären an diesem Abend nicht um 10 Jahre gealtert. Ja, die Straße von San Francisco können nach Sonnenuntergang durchaus angsteinflößend sein.
Ein Hut, ein Stock, zwei Hunde und ein schweißtreibender Spaziergang im Stechschritt erwarteten die Studierenden, die ganz spontan den großartigen Autor und Social Media Pionier Howard Rheingold treffen durften. In seinem engen Zeitplan bot er uns ein Gespräch während seines täglichen Hundespaziergangs in Mill Valley an. Nach einer kurzen Begrüßung vor seinem Haus folgen wir, wie Jünger ihrem Propheten, Mr. Rheingold durch den kalifornischen Wald. Abwechselnd versuchte jeder und jede von uns den Internet-Visionär in ein Gespräch zu verwickeln. Unsere Erwartungen waren groß. Ist Rheingold doch als einer der großen Vordenker der durch das Internet und Social Media veränderten Gesellschaft. Aufmerksamkeit, Partizipation, Zusammenarbeit – was ist es, was das Denken und Forschen über die Gesellschaft 2.0 ausmacht? Was meint der visionäre Denker mit “network smarts” oder “Networked Individualism”? Viele Fragen, die wir ihm gerne gestellt hätten, doch der eher schüchterne Mann mit den großen Schritten, der ganz nebenbei noch die Hinterlassenschaften seiner Hunde oder herumliegende Zeitungen einsammelte, wollte uns nicht richtig zum Zug kommen lassen und so entschieden wir, die Diskussion mit ihm doch eher schriftlich fortzuführen und im kommenden Semester uns dem Studium seiner Bücher (z.B. Net Smart – How to Thrive Online) zu widmen.
Außer Atem nach einer Stunde Dauerlauf und überwältigt von dieser inspirierenden Begegnung standen wir also an einem 7-Eleven-Supermarkt irgendwo im Niemandsland und versuchten ein Taxi zu bekommen. Wollten wir wirklich wieder zurück in die turbulente Innenstadt? Waren wir wirklich bereit dazu, den letzten Abend mit der Gruppe zu feiern? Wie konnte es sein, dass unsere Exkursion nun zu Ende ist? Irgendwie in Gedanken an die Vision einer grenzenlosen Online-Gesellschaft, unsere persönliche Zukunft als Mediennutzer und -gestalter und der sich langsam ausbreitende Abschiedsschmerz brachten uns zu einer weiteren unglaublichen Tat. In Ermangelung eines Großraumtaxis stiegen wir ein bei Peter (der Name ist erfunden, aber auf Grund seiner deutschen Vorfahren finde ich ihn passend und leider haben wir ihn nicht nach seinem Namen gefragt) Die Fahrt zu fünft auf der Rückbank des ehemaligen Polizeiautos bündelte mit einem Mal alle Erfahrungen unserer Exkursion: ein unvergesslicher Blick auf die atemberaubende Golden Gate Bridge im Sonnenuntergang, ein unbeschreibliches Gefühl des Gruppenzusammenhalts und die immer wieder zu neuen Höhepunkten kommende Spontanität, die jeden Tag zu einem ganz besonderen werden ließ.
Die ostdeutschen Spezialitäten im Restaurant Walzwerk rundeten den Abend und die Exkursion ab. Die abschließende Feedbackrunde ließ eines ganz klar werden: die vielfältigen Eindrücke dieser Exkursion werden noch lange in unseren Herzen und Köpfen nachklingen und ganz sicher nie vergessen werden!
von Stephanie R. und Sabine F.





Guten Flug und kommt gesund an und bleibt wach bis zum Abend!!!!
joha