
Cable Car am Union Square
Nachdem am nächsten Morgen die Erlebnisse am Flughafen verdaut waren, war wieder Platz für ein ausgiebiges amerikanisches Frühstück. So begaben wir uns in das schnuckelige Cafe gegenüber, das von unserer Gruppe komplett ausgefüllt wurde. Die Amerikaner schauten durchs Fenster rein, um festzustellen: ‘Looks Iike a German Party in there’. Gestärkt mit Kaffee und Glutamat-Eier Sandwiches machten wir uns auf für unsere City-Tour. Vom Union Square nahmen wir ein Cable Car (eine Art Strassenbahn ohne Stromnetz) in Richtung Fishermans Wharf wo wir nach einer T-Shirt-Laden Meile und weiteren Touristenfallen schließlich beim Pear 39 ausgiebig die Seehunde in Augenschein nehmen konnten. Fett und gemütlich ließen sich diese von der Sonne braten, um sich dann und wann aufzubäumen und in der Gegen rumzubrüllen. So menschlich können Tiere manchmal wirken, oder eher umgekehrt?
Nach zahlreichen supersüßen Seehundfotos bestiegen wir schließlich die F-Line in Richtung Ferry Building. Hinter mir saß ein fröhlicher Herr, der zuvor noch in der Nähe von Pear 39 ein 1A Drumsolo auf einem, aus Mülltonnen, Plastikeimern und einem Wasserspender improvisierten Schlagzeug hinlegte. “Hey Dude! Look hat I got! Hey, Look what I got y’all!” rief dieser wiederholt uns zu und winkte mit einem Glas, gefüllt mit, natürlich ärztlich verschriebenem, Marihuana. “C’mon guys, let’s get high on this motherf*****” lautete sein Einladungsversuch. Mitgegangen mit ihm ist dann aber doch niemand, denn wir hatten ja kein Rezept vom Doc und Appetit hatten wir auch so schon.
Also begaben wir uns in ein großartiges Chinesisches Restaurant an der Spear Street im Financial District. Dort wurden wir mit zahlreichen mundgerechten Köstlichkeiten versorgt, die optisch, wie geschmacklich gleichermaßen die Sinne erfreuten. Es handelte sich um Teig- und Nudeltaschen (“Dumplings”) mit Füllungen aus Tofu, Fleisch, Garnelen, Pilzen und so weiter. Und da die emsigen Bedienungen immer mit neuen Leckereien angekarrt kamen sprengten wir unser Budget um ca. 100$. Die so harmlos klein wirkenden “Dumpings”, die dutzendweise verschlungen wurden, lagen mir später wie Hinkelsteine im Magen. Ein klarer Fall von Überfressung. Nachdem China kulinarisch schonmal angerissen war, lautete der nächste Stop logischerweise China Town, was unser Kommilitone Chen noch mal mit ganz anderen Augen wahrnahm:
Als Touristen werden wir von den vielen Läden in Chinatown, die typische chinesische Kunststücke verkaufen, angezogen. Fächer mit Bilden von schönen Palastdamen, chinesischen Kalligrafie und Mützen mit künstlichen Zopf nach “Mandschurei-Art”. Dinge voller Exotik. Aber als Chinese habe ich mehr interessante Details bemerkt. Zum Beispiel eine von Fallun Gong veröffentlichte Zeitung mit dem Name “The Epoche Times”, welche man kostenlos auf der Straße angeboten bekam.
Auch ein Spruchband, welches die Begründung der Volksrepublik China feiert, hoch in der Mitte der Straße hängend. Die Chinesische Regierung definiert Fallun Gong als Kult und verbietet ihre Mission. Auf zwei Bauten in der Nachbarschaft werden jeweils die Staatsflagge von Volksrepublik China und Republik China (Taiwan) aufgehängt. Zwei Nationen, die sich gegenseitig nicht anerkennen. Vielmehr benutzt die Volksrepublik China ihre Macht, um Taiwan aus der internationalen Gesellschaft zu drängen. Die Befürworter und Gegner einer Regierung, zwei Länder im Streit – wie damals BRD und DDR – “leben” hier in San Francisco gemeinsam auf einer Straße. Vielleicht sagen sie sogar “Hi” zu einander, kommen oft zur gleichen Metzgerei und feiern Feiertag zusammen. Es gibt bestimmt Streit und Debatte, aber das Zusammenleben ist eine Voraussetzung für ein gegenseitiges Verständnis. Einen gewaltsamen Konflikt scheint es nicht zu geben. Diese Lebenspraxis könnte meiner Meinung nach ein Vorbild für die Politik sein.
von Thomas H. & Chen X.




